(Lesen ist hardcore!) Gone Girl: Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gillian Flynn ist mit ihrem dritten Buch „Gone Girl“ eine weltweite Sensation gelungen: Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste, wurde mehr als 3 Millionen mal verkauft und in 40 Sprachen übersetzt. Die 20th Century Fox verfilmte den Stoff prominent mit Ben Affleck und Rosamunde Pike. Auch die beiden Vorgänger-Bände „Cry Baby“ und „Dark Places“ waren große Erfolge und wurden ebenfalls verfilmt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Chicago. (Quelle: Fischer Verlag online)

41vUpgu0QgL._SX327_BO1,204,203,200_„Was denkst du gerade, Amy?“ Diese Frage habe ich ihr oft während unserer Ehe gestellt. Ich glaube, das fragt man sich immer wieder: Was denkst du? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt? Genau diese Fragen stellt sich Nick Dunne am Morgen seines fünften Hochzeitstages, dem Morgen, an dem seine Frau Amy spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sogleich Nick. Amys Freunde berichten, dass sie Angst vor ihm hatte. Er schwört, dass das nicht wahr ist. Dann erhält er sonderbare Anrufe. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?

Den Hype um diesen Roman habe ich persönlich ganz entgegen der Konventionen von hinten aufgerollt. Zunächst einmal schaute ich den Film – überaus sehenswert übrigens – und ungefähr ein Jahr später habe ich nun auch das Buch gelesen. Die ersten Sätze des Romans kommen mir daher schon bekannt vor. „Who are you? What are you thinking? What have we done to each other?“, fragt sich Hauptfigur Nick, während er seine Ehefrau Amy betrachtet und mir läuft vor freudiger Erwartung eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Denn im Grunde weiß ich ja was kommen wird, der Film ist sehr nah am Buch. Das Buch wiederum füllt Lücken innerhalb der Erzählung und frischt meine Erinnerung an diese wunderbar durchdacht konzipierte Geschichte nach einem Jahr des Wartens wieder auf.

Die Erzählung spaltet sich in drei Perspektiven auf. Zunächst einmal  wäre da die Perspektive von Nick, einem gescheiterten Journalisten, der eines Morgens feststellen muss, dass seine Ehefrau Amy spurlos verschwunden ist. Dann wäre da noch die Perspektive von Amy, die der Leserin erst einmal in Form von Tagebucheinträgen als „Tagebuch-Amy“ davon erzählt, wie sie und Nick sich kennen gelernt haben. Später kommt noch die Perspektive der eigentlichen Amy dazu, aber an dieser Stelle näher darauf einzugehen würde schon zu viel verraten. Also halte ich mich zurück, auch wenn es schwer fällt. Denn ich sprudele nahezu über vor Begeisterung für dieses Buch – das einzige Hype-Buch bisher, das es geschafft hat meine überhöhten Erwartungen zu erfüllen, Hut ab!

Die Figuren, welche diesen Roman bevölkern sind allesamt Antihelden, scheinen mit all ihren Unsicherheiten und ihren zahlreichen Unzulänglichkeiten von der Autorin direkt aus dem Leben gepflückt zu sein. Ob es nun der gefallsüchtige Nick ist, die sich in ihren Theorien verrennende Kriminalkommissarin oder die zum ewigen Accessoire verdammte Zwillingsschwester Margot, die neben Bruder Nick immer etwas blass, gleichzeitig aber auch etwas zu krass wirkt. Nur Amy scheint mir vollkommen überzeichnet, was aber daran liegen mag, dass auf ihren Schultern die Bürde des Bösewichts, des kriminellen Genies zu liegen kommt und solche Menschen trifft man einfach nur in Romanen – zum Glück. Dort gibt die Autorin ihr allerdings auch den nötigen Raum sich gehörig auszutoben, die anderen Figuren an der Nase herum zu führen und in schadenfrohes Gelächter auszubrechen, wenn ihre diabolischen Pläne Früchte tragen.

Doch „Gone Girl“ ist trotzdem kein typischer Krimi, Gut und Böse kontrastieren hier nicht in einer schwarz-weiß Dichotomie. Gillian Flynn malt das Bild einer zerrütteten Ehe in unzähligen Grautönen und sogar Amy wird schließlich zum Opfer. Gerade dann, wenn man als Leserin meint es mit einer durchtriebenen Soziopathin zu tun zu haben, der nichts und niemand etwas anhaben kann, wird sie unerwartet verletzlich. So muss man als Leserin ständig revidieren, was man über die Figuren zu wissen glaubt, besonders über Amy, den unumstrittenen Mittelpunkt der Geschichte. Gleichzeitig schafft die Autorin es auch die Sorgen der amerikanischen Mittelklasse zu Beginn der Rezession zu portraitieren, angefangen mit Nicks Entlassung, über verwaiste Einkaufszentren, die zu Drogenumschlagplätzen geworden sind, bis hin zu marodierenden Horden arbeits- und obdachloser Männer. All das schafft Atmosphäre und als Leserin kriegt man sofort ein ungutes Gefühl.

Insgesamt ist „Gone Girl“ ein Thriller, der selbst mich, die ich für dieses Genre normalerweise eher wenig übrig habe, auf ganzer Linie begeistern konnte. Von der ersten Seite an kreiert Gillian Flynn einen Sog, der mich zu diesem Roman hinzieht, es schier unmöglich macht ihn aus der Hand zu legen. Ihre Art und Weise die Geschichte von Nick und Amy zu erzählen, sich literarisch auf die kleinen Machtkämpfe einer alternden Ehe einzuschießen, macht die Auflösung der Geheimnisse, die sich um Amys Verschwinden ranken, fast schon zur Nebensache; Und so kann man „Gone Girl“ auch dann noch genießen, wenn man schon weiß wie alles enden wird. Ich werde diesen Roman in einem Jahr erneut lesen, werde weitere Nuancen innerhalb der Geschichte entdecken und bei den ersten Sätzen die altbekannte Gänsehaut verspüren. „Who are you? What are you thinking? What have we done to each other?“

Gone Girl: Das perfekte Opfer – Gillian Flynn – ISBN 978.3.596.03219.8

Für Leserinnen, die…

  • …einen herrlich unromantischen Eheroman suchen.
  • …wissen, dass im Leben und in der Literatur nichts ist, wie es anfangs zu sein scheint.
  • …gerne auch mal den Bösewicht anfeuern.

Am besten kombiniert mit…

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(#03/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Die Sachbücher, aus denen dieses Trio besteht, könnten nicht unterschiedlicher sein. Eines ernst, ein anderes wiederum eher frivol, das mittlere ungeschönt autobiografisch – insofern ist dieses Mal für jeden Lesegeschmack etwas dabei, ob es nun um Religion und Politik, um Sex und Scham oder um die größtenteils rosarot eingefärbten Erinnerungen eines früheren Kinderstars geht.

Für Religionsskeptiker…

516++rnp1HL._SX330_BO1,204,203,200_„Kingdom Coming – The Rise of Christian Nationalism“ von Michelle Goldberg… In „Kingdom Coming“, Goldberg demonstrates how an increasingly bellicose fundamentalism is gaining traction throughout our national life, taking us on a tour of the parallel right-wing evangelical culture that is buoyed by Republican political patronage. Deep within the red zones of a divided America, we meet military retirees pledging to seize the nation in Christ’s name, perfidious congressmen courting the confidence of neo-confederates and proponents of theocracy, and leaders of federally funded programs offering Jesus as the solution to the country’s social problems.

Hätte ich dieses Buch kurz nach seinem Erscheinen gelesen, dann hätte ich ganz schön Angst gekriegt vor der christlichen Rechten und ihrem Einfluss in der amerikanischen Politik. Mit etwas Abstand lässt sich feststellen, dass es zum Glück nicht ganz so schlimm gekommen ist, wie Michelle Goldberg es in ihrem Buch vorzeichnet. Dieses ist kontrovers, besonders wenn man selbst religiös empfindet aber gleichzeitig brillant recherchiert. Denn es geht der Autorin nicht vorrangig um die Kritik an der Religion, auch wenn sie sich selbst als Atheistin bezeichnet. Vielmehr zeigt sie eine Entwicklung im US-amerikanischen System auf, die mir Sorgenfalten auf die Stirn zeichnet. Diese Entwicklung geht laut der Autorin gegen alles, was sich die Urväter des Landes einmal auf die Fahnen geschrieben haben.

Als Europäerin kann ich oft nur mit dem Kopf schütteln, wenn es beispielsweise darum geht, dass immer mehr amerikanische Schuldistrikte den Biologieunterricht zum Religionsunterricht machen und so eine Generation von Schülern heranziehen, die wissenschaftlich völlig ungebildet ist, alles im Namen der Religion. Die Autorin selbst macht keinen Hehl daraus, dass sie für Elternbeiräte, die Kreationismus als Schulfach durchsetzen wollen und Politikern, die sogar Fehlgeburten mit Gefängnisstrafen ahnden wollen, nicht viel übrig hat. Doch eines tut sie dabei nie und das ist diese Art von hyper-religiösen Menschen, mögen sie auch noch so fanatisch sein, zu unterschätzen. Alles in allem ein beeindruckendes Sachbuch, das auch wenn es nicht mehr brandaktuell ist, definitiv eine aufmerksame Lektüre wert ist.

Am besten kombiniert mit...

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Für Frühreife…

51g2bjA8g0L._SX354_BO1,204,203,200_„Mit 11 wurde mein Körper zur Ware“ von Kerry Cohen… Sie ist elf, als sie lernt, wie Männer auf sie reagieren. Wie Männer auf Mädchen reagieren. Und der Wunsch wahrgenommen zu werden, lässt sie einen Weg einschlagen, von dem sie selbst weiß, dass er sie in den Abgrund führen wird. Was Liebe ist, weiß sie nicht, sie ist noch viel zu jung. Und so denkt sie, Sex zu haben ist das Gleiche. Es wird die Sucht, die sie treibt. Nicht nur die Sucht nach Sex, es ist die Sucht nach Geborgenheit und nach Nähe.

Der deutsche Titel dieses Buchs ist sehr polemisch gewählt und klingt meiner Meinung nach eher nach Prostitution als nach einem frühreifen Mädchen, das sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt und diese in flüchtigen Jungsbekanntschaften zu finden glaubt, oder zumindest versucht. Kerry Cohens Weg vom Mädchen zur Frau ist sicher etwas holperiger als ihre Eltern es für sie gehofft hatten. Doch ist sie die Triebfeder hinter ihrer eigenen Ausnutzung durch unzählige junge Männer. Wieder und wieder verwechselt sie Begehren mit Liebe und stürzt sich Hals über Kopf in erotische Abenteuer, die oft nur eine Nacht halten. Jedem das seine könnte man sagen, doch Amerika hat dem sexuellen Erwachen pubertierender Mädchen den Krieg erklärt.

So ist Kerry Cohens Scham über ihre Lust groß genug, um ein ganzes Buch darüber zu rechtfertigen. Viele Begegnungen verlaufen wenig emazipiert, und Kerry Cohen gibt dies ehrlich zu. Denn es sind nicht nur Hormone, die sie freizügig machen, sondern auch eine nicht zu stillende Gefallenssucht. Insofern schwankt sie mit ihrem Verhalten zwischen Normalität und Pathologie hin und her, wirkt dabei fast bipolar – manchmal frei und dann wieder vollkommen abhängig von den Jungs in ihrem Umfeld und deren Blicke, die sie auf sich spüren möchte, scheinbar um jeden Preis. Was dieses Buch lesenswert macht, ist die Ehrlichkeit seiner Autorin, wenn es darum geht sich selbst und die eigene Gefühlswelt zu betrachten. Manchmal allerdings geht sie zu hart mit sich um, jeder Mensch hat das Anrecht auf lustvolles Empfinden und Begehren, auch Frauen.

Am besten kombiniert mit…

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Für Cineasten…

41QzX2+kqyL._SX319_BO1,204,203,200_„Wildflower: Geschichten aus meinem Leben“ von Drew Barrymore… ist ein Porträt von Drews Leben in einzelnen Geschichten, in denen sie zurückblickt auf ein bewegtes Leben voller Abenteuer, Herausforderungen und unglaublicher Erfahrungen. Weshalb das Wäschewaschen ihr, als sie mit 14 Jahren alleine lebte, möglicherweise das Leben rettete, wie sie ganz persönlich Abschied von ihrem Vater nahm, der diese Rolle niemals erfüllte, weshalb sie mit Cameron Diaz auf der Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick Fallschirmspringen ging.

Drew Barrymores Erinnerungen an ihr bewegtes Leben als Kinderstar in Hollywood, inklusive dem Bruch mit der Mutter als 14-Jährige, früher Alkohol- und Drogenmissbrauch, und der schwere Übergang vom „Mädchen aus E.T.“ zur angesehenen Hollywood-Schauspielerin, klingen nicht gerade nach gute Laune Buch. Doch genau das ist „Wildflower“; ein Buch für laue Sommerabende, ein Buch das man der Mitbewohnerin empfiehlt, auch wenn oder vielleicht gerade weil diese nicht so gerne liest, ein Buch, das man auch im Zug oder im Wartezimmer beim Arzt lesen kann. „Wildflower“ ist die Margarine unter den Hollywood-Autobiografien, leicht und gut verdaulich, aber genau dadurch auch ein bisschen fade. Ich persönlich hatte mir etwas geschmacksintensiveres gewünscht, wurde von Autorin Drew Barrymore allerdings enttäuscht.

Insgesamt ist „Wildflower“ also nichts besonderes und man ist nach der Lektüre ungefähr so klug wie davor. Denn Drew Barrymore hält sich in ihren autobiografischen Anekdoten bedeckt; schreibt lieber davon, wie sie als Teenager zum ersten Mal eine Waschmaschine benutzte, über die Vegetation im Garten ihres Kindheitshauses oder darüber wie sie ihrem frisch Angetrauten morgens Waffeln macht, als die Leserin ernsthaft an sich heran zu lassen. Manchmal sind diese Anekdoten ganz lustig, und wenn sie zum Beispiel davon berichtet wie es war diesen oder jenen Film zu drehen, den man vielleicht auch schon selbst gesehen hat, wird es sogar etwas interessant. Das alleine macht „Wildflower“ jedoch nicht lesenswert, nicht einmal für Fans dieser Schauspielerin. Denn so wie sich das Buch liest, hätte es auch jedes x-beliebige Hollywood-Sternchen, oder deren Ghostwriter, schreiben können.

Am besten kombiniert mit…

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(#02/2016) Aller guten Bücher sind 3…!

Dieser Beitrag hing lange in meiner Warteschleife fest, einfach deshalb, weil ich nicht genau wusste, wie ich ihn einleiten soll. Nun fasse ich mir aber einfach mal ein Herz und schreibe ein paar Zeilen zu ein paar Büchern, die ich zugegebenermaßen schon im Frühling diesen Jahres gelesen habe – wie das manchmal so ist, wenn Buchblogger (ungeplante) Sommerpausen einlegen. Meine Eindrücke zur jeweiligen Lektüre haben allerdings nach wie vor Gültigkeit…

Für Naturforscher…

519t8qwrt-L._SX303_BO1,204,203,200_Die schönsten Dinge von Toni Jordan… Sie ist klug, attraktiv und engagiert – Ella Canfield scheint Wissenschaftlerin mit Leib und Seele zu sein. Als Evolutionsbiologin forscht sie über ausgestorbene Tiere wie den Tasmanischen Tiger. Ella weiß, was sie will – undhat endlich den idealen Geldgeber für ihr Projekt gefunden: Daniel Metcalf, den gutaussehenden und schwerreichen Vorsitzenden der Metcalf-Stiftung. Daniel interessiert sich brennend für Unternehmungen wie das von Ella. Bedauerlicherweise gibt es zwei Haken an der Sache. Haken Nummer eins: Dr. Ella Canfield heißt in Wirklichkeit Della Gilmore und ist gar keine Wissenschaftlerin. Haken Nummer zwei: Della Gilmore ist zwar ausgesprochen klug, aber nicht klug genug, um der trügerischen Anziehungskraft von Daniel Metcalf zu widerstehen.

Wie schon in „Tausend kleine Schritte“ liefert Toni Jordan auch in „Die schönsten Dinge“ eine originelle Liebesgeschichte ab, die mal humorvoll, mal spannend und dann auf einmal unerwartet erotisch daher kommt. „Die schönsten Dinge“ ist auf jeden Fall eher ein Buch für unbeschwerte Gemüter, denn ernsthaft mit Hochstaplern und Kriminalität und Bandenmentalitäten innerhalb einer Großfamilie auseinandersetzen tut sich Toni Jordan nicht. Auch wenn Della und ihre Familie in einem fort Leuten Geld abluchsen wird diese Art von Aktivität, die Della sogar als ihren Beruf bezeichnet, zwischen den Seiten dieser Lektüre eher verharmlost. Stattdessen geht es um eine junge Frau, die sich selbst auf die Probe stellt und dadurch besser kennen lernt, die sich Hals über Kopf verliebt habt und nun ihr Leben und ihre Zukunftspläne in Frage stellt.

„Die schönsten Dinge“ ist ein humorvoller Wohlfühlroman mit einer Prise Erotik. Della ist eine Hauptfigur und Erzählerin, die mir als Leserin sofort sympathisch ist, auch wenn sie und die anderen Figuren manchmal etwas klischeehaft sind und auch so handeln. Natürlich ist von Anfang an klar, dass Della und Daniel sich verlieben werden, doch der Weg dahin hält reichlich Stolperfallen für die beiden bereit und so langweilt man sich als Leserin auch nie, selbst wenn man das Ende in seinen Grundzügen schon voraus sagen kann. Was mehr gibt es noch zu sagen, als „Die schönsten Dinge“ ist die Art Schmöker, die man mehr als einmal lesen kann und das sagt, zumindest in meinem Fall, schon alles.

Am besten kombiniert…

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Für Zweifler…

51zojbrQp4L._SX334_BO1,204,203,200_Und dennoch ist es Liebe von Jodi Picoult… Als Page den Medizinstudenten Nicholas kennenlernt, ist es die ganz große Liebe. Die junge Frau fühlt sich endlich angenommen und die Beziehung zu Nicholas gibt Page die nötige Geborgenheit. Ihre Mutter hatte sie im Alter von fünf Jahren verlassen, was eine tiefe Verletzung hinterließ. Die Geburt ihres Sohnes weckt in Page jedoch die alten Ängste: Kann sie überhaupt eine gute Mutter sein? Sie fühlt sich gezwungen, ihre eigenen Wünsche komplett zurückzustellen. Emotional und physisch völlig erschöpft und unfähig, sich ihrem Mann mitzuteilen, verlässt sie schließlich ihn und das Baby, um nach ihrer Mutter zu suchen, in der Hoffnung, bei ihr die Antworten auf ihr Leben zu finden.

In „Und dennoch ist es Liebe“ beschreibt Jodi Picoult das Schicksal vieler junger amerikanischer Paare, die es alle anfangs anders hatten machen wollen. Alle wollten sie warten mit dem Kinderkriegen, bis beide beruflich Fuß gefasst haben. Alle wollten sie sich die Kleinkindpflege und die Haushaltsführung teilen. In der Praxis geht alles aber oft sehr schnell und bleibt an der Frau hängen, im Fall dieser Geschichte an Page, die eigentlich zu mehr im Stande wäre als ihr Leben mit Windeln wechseln und Fläschchen wärmen zu verbringen. Und als wäre das noch nicht alles muss sie sich am Ende des Tages auch noch von einem Mann kritisieren lassen, der ihren von der Schwangerschaft veränderten Körper allem Anschein nach nicht einmal mehr begehrt. Jedes Mal wenn Baby Max schreit und sich nicht beruhigen lässt, jedes Mal wenn Nicholas nach einem langen Arbeitstag in ein unaufgeräumtes Haus tritt, fühl Page sich so als hätte sie als Mutter und als Ehefrau versagt.

Insgesamt ist „Und dennoch ist es Liebe“ ein typischer Picoult-Roman. Die Geschichte wird aus mehr als einer Perspektive erzählt und es gilt Schwierigkeiten zu überwinden, die die Figuren zu brechen drohen – letztlich endet alles aber gewohnt versöhnlich, trotz der Achterbahnfahrt zwischen dem ersten und dem letzten Kapitel. Man könnte Jodi Picoult vorhersehbar nennen, denn in der Art und Weise wie sie ihre Romane konzipiert ist sie das auch, doch ich persönlich fühle mich in dieser Vorhersehbarkeit der Handlung, auch im Fall von „Und dennoch ist es Liebe“, wieder einmal wunderbar aufgehoben, ja nahezu geborgen. „Und dennoch ist es Liebe“ ist zwar nicht der beste Roman der Autorin, zumindest wenn man mich fragt, doch bietet er seiner Leserin Unterhaltung, Spannung und ein abschließendes Wohlgefühl in einem – und das macht die Lektüre in meinen Augen mehr als lohnenswert.

Am besten kombiniert mit…

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Für Neuanfänger…

51IOPm1zqML._SX314_BO1,204,203,200_Allmählich wird es Tag von Franka Potente… In einem der besseren Viertel von Los Angeles lebt Tim Wilkins, 49, Investmentbanker. Tim ist am Tiefpunkt seines bisherigen Lebens angekommen, denn er hat soeben seinen Job und seine Ehefrau Liz verloren. Nachdem seine Wut und seine Rachegedanken verraucht sind und er mithilfe von Whiskey und der sexuell recht offenen Nachbarin Aida Selbstmitleid und Ratlosigkeit überwunden hat, beginnt Tim nachzudenken: Warum ist seine Ehe zerbrochen? Wie soll es weitergehen?

Franka Potente schreibt wie ein Mann. Und wenn eine solche Aussage von mir, die ich mich nach langem hin und her dazu entschieden habe (größtenteils) nur noch Bücher von Frauen zu lesen, ist das leider kein Kompliment. „Allmählich wird es Tag“ fehlt das Herzblut, das was mir als Leserin das Gefühl gibt etwas für mich persönlich notwendiges zu tun, jedes Mal wenn ich das Buch aufschlage oder eine Seite umblättere. Stattdessen gibt mir das Romandebüt von Franka Potente das Gefühl meine Zeit ein wenig zu verschwenden. Warum lese ich das eigentlich, ist mein häufigster Gedanke, gleich nach, von einer SchriftstellerIN hätte ich mehr Tiefe erwartet. Nicht dass Frauen keine Pappmaché Figuren schreiben, das wäre eine unhaltbare Behauptung, nur tappen sie meiner Leseerfahrung nach nicht so oft in die literarischen Klischeefallen in die sich SchriftstellER verirren.

Ich würde „Allmählich wird es Tag“ niemandem empfehlen, der nicht deckungsgleich ist mit Franka Potentes Hauptfigur – also ein Mann mittleren Alters, der gerade von seiner Frau verlassen wurde. Ein solcher Leser dürfte sich zwischen den Seiten wie zu Hause fühlen, sofern er keine großen Ansprüche an seine Lektüre hegt was Figurenzeichnung und Handlungsentwicklung angeht. Insofern gilt meiner Einschätzung nach im Fall der Schauspielerin Franka Potente das alte Sprichwort „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Denn das was sie hier zu Papier gebracht hat ist zwar kein literarischer Totalschaden, allerhöchstens ist es aber als mittelmäßig einzustufen, Unterhaltungsliteratur für den frustrierten (Haus)Mann – zu mehr taugt „Allmählich wird es Tag“ meines Erachtens leider nicht.

Am besten kombiniert mit…

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(#02/2016) Aller guten Sachbücher sind 3…!

Nach einer fehlgeschlagenen Behandlung hatte sich mein Zustand für einige Woche so verschlimmert, dass ich Schwierigkeiten hatte Sprache zu verstehen, ob nun gesprochen oder geschrieben. Meine zwischenzeitliche Lektüre lag also erst einmal auf Eis, das eigene Zimmer staubte etwas ein. Nach und nach ging es mir besser, dann kam der Brexit und ich las nur noch Zeitung. Jetzt, da sich sowohl die gesundheitlichen als auch die politischen Wogen etwas geglättet haben, möchte ich endlich wieder durchstarten. Und wie könnte ich dies besser tun, als mit einem Kleeblatt aus Sachbuchempfehlungen.

Für (Lebens)hungrige…

41jxSN6F9CL._SX331_BO1,204,203,200_„Kid Rex“ von Laura Moisin… After knowing other friends with anorexia and being baffled by their behavior Moisin suddenly found herself prone to the same disease. She learns how to deceive the therapists her worried family sends her to, so they’ll misdiagnose her and let her continue to be anorexic. When she recognizes that she has a serious problem, though, she finally owns up to a therapist working at her university. Shortly after this devastating therapy visit, the Twin Towers fall in the September 11th attacks, and Moisin watches it happen from her apartment window. Her ensuing depression quickens her already dangerous downward spiral.

In „Kid Rex“ wiederholt sich eine Geschichte der Selbstkasteiung, die ich so oder so ähnlich schon oft gelesen habe. Was Laura Moisin in der Beschreibung ihres Kampfes gegen die Hungersucht anders macht, ist dass sie nicht abblendet, wenn es um ihren steinigen Weg zu einem gesunden Gewicht geht – so wie es viele andere Autobiografien des Genres tun. Wundern tut es mich nicht, schließlich will sich nicht jede junge Frau an jede Einzelheit ihres Krieges gegen sich selbst, bzw. der zähen Friedensverhandlungen erinnern, die öfter zu nichts führen als dass sie von Erfolg gekrönt wären. Ich allerdings werde nicht müde mich in die verfeindeten Parteien einzufühlen, auch wenn es nicht leicht ist zum Mitwisser von so viel selbstverursachtem Leid zu werden.

„Kid Rex“ ist ein interessantes Buch, doch im Vergleich zu anderen Anorexie-Memoiren schwächelt es ein bisschen. Als Leserin hatte ich meine liebe Mühe mit der Autorin, die zumindest anfangs eine mir persönlich sehr unangenehme arrogante Art an den Tag legt. Dennoch zeichnet ihre Erzählung ein realistisches Bild von den Erfolgen und Rückschlägen im Kampf gegen die Magersucht, das ich so noch nirgendwo gelesen habe. Laura Moisin zeigt ihrer Leserin, dass Therapien nicht zwangsläufig zur Genesung führen und dass selbst eine als geheilt geltende Frau wieder in die Krankheit abrutschen kann, bzw. dass es dafür nicht einmal viel braucht. Leider neigt Laura Moisin dazu über Ereignisse, die sie als unwichtig einstuft schnell hinweg zu gehen und das macht ihre Autobiografie etwas unstet, schwankend zwischen Detailreichtum und erzählerischer Oberflächlichkeit.

Am besten kombiniert mit…

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Für Körperbewusste…

61gk6Z7YcEL._SX312_BO1,204,203,200_„Die stille Macht der Mikroben“ von Alanna Collen… Unser Körper besteht nur zu zehn Prozent aus menschlichen Zellen. Die eigentlichen Chefs unserer inneren Steuerungssysteme sind Billionen von Mikroben – Bakterien und Pilze, die einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben und sogar unser Denken beeinflussen. Übertriebene Hygienemaßnahmen, ungünstige Ernährungsgewohnheiten und Antibiotika bringen den Mikrobenhaushalt empfindlich aus der Balance. Eine maßgeschneiderte »mikrobenfreundliche« Ernährung könnte chronisch Kranken neue Hoffnung bringen und unser aller Wohlbefinden verbessern.

Darüber wie sehr die verschiedenen Mikroben, die sich auf dem und im menschlichen Körper befinden, meine Gesundheit beeinflussen habe ich mir vor der Lektüre von „Die stille Macht der Mikroben“ nie wirklich Gedanken gemacht. Ehrlich gesagt versuchte ich den Gedanken daran aktiv auszublenden, schließlich ist es keine angenehme Vorstellung, dass es zum Beispiel auf jedem Zentimeter meiner Haut kreucht und fleucht, das ich mehr Habitat als Mensch zu sein scheine. Doch Alanna Collen versichert mir in ihrem Buch, dass diese Kolonisierung meines Körpers durch Mikroben schon so seine Richtigkeit hat, ja sogar dass zu wenige mikroskopische Mitbewohner den Körper ohne adäquaten Schutz gegen Krankheiten, oft autoimmun, und Allergien lassen. Insofern bin ich nach der Lektüre von „Die stille Macht der Mikroben“ nicht nur um einiges klüger und körperbewusster, sondern auch fest entschlossen von nun an für meine eigenen Mikroben ein freundliches Klima herzustellen.

Wer den Gedanken ertragen kann nicht vollkommen im Besitz des eigenen Körpers, ja sogar des eigenen Gehirnes, zu sein, für den hält dieses Buch ein wahres Festmahl aus Informationen bereit. Die Autorin trägt hier allerhand Forschung zusammen, die teils nachdenklich und teils hoffnungsvoll macht – so stellt sie u.a. in Aussicht irgendwann einmal Autoimmunkrankheiten wie z.B. Multiple Sklerose heilen und Behinderungen wie z.B. Autismus lindern zu können. Abgesehen davon ist das Buch auch randvoll mit ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die für seine Leserin im Alltag schon jetzt umsetzbar sind, um eine gesunde Verdauung zu fördern, indem sie erwünschte Mikroben im Darm ansiedelt und unerwünschte Populationen klein hält. Dahingehend hat sich Alanna Collen vor allem auf den inflationären Gebrauch von Antibiotika eingeschossen, der die Vielfalt im menschlichen Darm wie nichts sonst zerstört. Insgesamt ist „Die stille Macht der Mikroben“ Pflichtlektüre für jede, die den eigenen Körper kennen und pflegen lernen möchte; es ist dabei sowohl informativ als auch eingängig.

Am besten kombiniert mit…

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Für Nimmersatte…

41Fc2R7hWhL._SX328_BO1,204,203,200_„Swallow This – Serving Up the Food Industry’s Secrets“ von Joanna Blythman… Even with 25 years experience as a journalist and investigator of the food chain, Joanna Blythman still felt she had unanswered questions about the food we consume every day. How ’natural‘ is the process for making a ’natural‘ flavouring? What, exactly, is modified starch, and why is it an ingredient in so many foods? What is done to pitta bread to make it stay ‚fresh‘ for six months?  Determined to get to the bottom of the impact the industry has on our food, Joanna Blythman has gained unprecedented access to factories, suppliers and industry insiders, to give an utterly eye-opening account of what we’re really swallowing.

Zwar bezieht sich Journalistin Joanna Blythman in „Swallow This“ vor allem auf die britische Lebensmittelindustrie, doch in Zeiten der Globalisierung kann man als Leserin getrost davon ausgehen, dass die hochprofitablen, gleichsam aber äußerst unappetitlichen Herstellungsmethoden längst nach Deutschland exportiert sind. Insofern geht „Swallow This“ auch deutsche Leserinnen etwas an, vor allem wenn diese daran interessiert sind, was heutzutage alles so in Fertiggerichten steckt, warum Obst und Gemüse nicht mehr schimmlig, sondern nur noch schrumpelig werden und was das alles im schlimmsten Fall mit des Endverbrauchers Gesundheit anstellt. Ich persönlich war mehr als schockiert, dachte ich doch ich würde mich bewusst und somit auch gesund ernähren – weit gefehlt, denn Joanna Blythmans Buch hat mich über mein Essen aufgeklärt.

Joanna Blythman schleicht sich in Lebensmittelfrabriken und auf die Messen der Chemiebranche, die längst schon mit der Lebensmittelbranche fusioniert zu haben scheint. Ich lese derweil ihren Bericht und mich packt das kalte Grausen, wenn ich von Schutzatmosphäre in der Fleischtheke höre, von bedampftem Obst und chemischen Zusätzen selbst im, von mir früher so verehrten, griechischen Joghurt. Das und mehr gelangt dann in meinen Körper, macht mich schleichend krank, wird mir aber als Verbesserung verkauft. Joanna Blythman wischt mir die Schuppen von den Augen, berichtet von angeblichen Industriegeheimnissen, die als Deckmantel für Giftstoffe in der Nahrung fungieren, davon wie Hersteller fragwürdige Zusatzstoffe vom Etikett mogeln. Die Enthüllungen in „Swallow This“ werden interessierten Leserinnen im Halse stecken bleiben, sind es aber wert gehört zu werden.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) She-Conomy: Warum die Zukunft der Arbeitswelt weiblich ist von Christiane Funken

Prof. Dr. Christiane Funken, geb. 1953, ist eine renommierte Professorin der Medien- und Geschlechtersoziologie an der Technischen Universität Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Geschlechterforschung. Dieses Buch basiert auf ihren empirischen Studien zu Karrierestrategien und -chancen von Frauen. Sie ist Expertin im Forum Inforamtionsgesellschaft der Bundesregierung sowie Kuratorin des Königlich Preußischen Kulturbesitzes. Sie lebt in Berlin. (Quelle: randomhouse.de)

41j1Hhx6eYL._SX311_BO1,204,203,200_Zu keiner Zeit waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Und dennoch scheitern sie immer wieder beim beruflichen Aufstieg. Sind in der mittleren Führungsebene noch verhältnismäßig viele Frauen ›geduldet‹, wird die Luft in den oberen Etagen dünner. Dabei sind Frauen durchweg gute Teamplayer mit psychologischem Gespür, Integrationskraft, Kreativität und Flexibilität – sie können also genau das, was in der neuen, vernetzten Arbeitswelt gefordert wird. Der Wandel der Wirtschaft ist in vollem Gang. Wenn weibliche Führungskräfte und junge Berufseinsteigerinnen sich heute nicht abschrecken lassen, dann ist beiden geholfen: der Wirtschaft und ihnen selbst.

Dieses Buch liefert quasi die Antithese zu Alina Bronskys und Denise Wilks „Die Abschaffung der Mutter“. Denn es fordert genau das, was die eben genannten Autorinnen so verteufeln – mehr Frauen in den Arbeitsmarkt, mehr Vollzeitstellen, mehr weibliche Führungskräfte im verkrusteten System. Damit nimmt Christiane Funken eine sehr fortschrittliche Position ein, wenn es um die Themen Schwangerschaft, Mutterschaft und Erziehungsarbeit, eben um die typisch weibliche Erwerbsbiografie geht. Fehlzeiten sind bei ihr unerwünscht, denn die Zukunft des Arbeitsplatzes ist zwar weiblich aber seine Gegenwart ist männlich, mit männlichen Machtstrukturen und männlichen Erwartungen der Chefs an die Mitarbeiter. Sich als Frau durch dieses Dickicht zu manövrieren, ohne auf der einen Seite inkompetent und auf der anderen Seite unsympathisch zu wirken, scheint ihr eine Lebensaufgabe.

Mit ihrer Aussage „Die Zukunft der Arbeitswelt ist weiblich“ gibt sich Christiane Funken betont optimistisch, auch wenn ihre im Buch erwähnten Studien zuweilen ein ganz anderes Bild zeichnen. Da hört diese Leserin die Frauen, die gegenwärtig an der Spitze deutscher Unternehmen stehen, von der gläsernen Decke erzählen und der Langeweile, die sich in den Arbeitsalltag einschleicht, ab dem Punkt an dem sie auf Grund ihres Geschlechts einfach nicht mehr befördert wurden. Diese Aussagen wiederum zeichnen ein eher tristes Bild deutscher Unternehmenskultur, die scheinbar davon überzeugt zu sein scheint die Hälfte des Talents ihrer Belegschaft aus sexistischen Motiven, die für heutige Leserinnen vorsintflutlich anmuten dürften, einfach verschenken zu können. Frauen, die in Deutschland Karriere wagen wollen, müssen sich über einiges hinweg setzen, so viel steht ohne Zweifel fest.

Dann wiederum bietet die Dienstleistungsgesellschaft bisher unbekannte Aufstiegsmöglichkeiten speziell für Frauen. Denn typisch weibliche Sozialisation ist gefragt in einer Ökonomie, die sich auf Wissen und Kommunikation stützt. Nach und nach werden alte Unternehmensstrukturen aufgeweicht, verkrustete Hierarchien abgeflacht und durchlässig gemacht. Besonders Frauen können von diesen Veränderungen profitieren, doch sie müssen ihre Chancen auch nutzen und ihre falsche Bescheidenheit ablegen, im Kampf um den Chefsessel. Wenn Christiane Funken es beschreibt, dann klingt das Karriere machen als Frau auf einmal unerwartet einfach, glaubt man sogar mit weiblichen Attributen im Vorteil zu sein. Doch Stereotypen und Vorurteile halten sich trotz Generationen von Gegenbeispielen, und so nimmt die Autorin u.a. auch zum double-bind Stellung, zum Mythos der abgelenkten Mutter und der fruchtbaren Frau, die von Unternehmen nicht als Angestellte, sondern als tickende Zeitbombe wahrgenommen wird.

Während ich dieses Buch lese schwanke ich also zwischen Tatendrang und Desillusionierung, will sowohl Karriere wagen als auch meine Würde bewahren, bzw. nicht mit 50plus an die gläserne Decke stoßen während die männlichen Kollegen, die mich überflügeln immer jünger werden. Christiane Funkens Motivationsschrift alleine kann mir diese Zerrissenheit leider nicht nehmen, auch wenn sie mit ein paar nützlichen Tipps aufwartet, wie Frau sich am Arbeitsplatz für Beförderungen ins Gespräch bringen kann und welche typisch weiblichen Beziehungsmuster für den Sprung auf die Karriereleiter eher hinderlich sein könnten. Was sie mit ihrem Buch nicht kann, ist das entmenschlichte Frauenbild in den Köpfen der Männer, nach wie vor mehrheitlich die Entscheider in Wirtschaft und Politik, gerade zu rücken. Das bleibt jeder einzelnen Leserin auf privater und beruflicher Ebene selbst überlassen.

Insgesamt ist „SheConomy“ ein durchaus lesenswertes Buch für diejenigen Leserinnen, die sich beruflich in der freien Wirtschaft sehen. Leider klammert es männliche Arbeitnehmer völlig aus, nennt sie allenfalls als Konkurrenten, die durch ihre Übervorteilung trotz geringerer Kompetenz an ihren Kolleginnen vorbei ziehen. Damit allerdings legt Christiane Funken die Verantwortung für dringend notwendige Veränderungen in der deutschen Unternehmenskultur in ausschließlich weibliche Hände. Diesen fehlt aber bisher noch die Macht, um weitgreifende Veränderungen herbei zu führen. Insofern dürfte „SheConomy“ vor allem als Ratgeber für karrierebewusste Frauen dienen, darüber hinaus ist es thematisch allerdings zu marginal um über die individuelle Ebene hinaus die deutsche Unternehmenskultur, inklusive ihrer Old-Boys-Clubs und Netzwerke, zu beeinflussen oder gar zu verändern.

SheConomy: Warum die Zukunft der Arbeitswelt weiblich ist – Christiane Funken – ISBN 978.3.570.10271.8

Für Leserinnen, die…

  • …sich der Herausforderung einer Spitzenkarriere stellen wollen.
  • …bereit sind eine neue Unternehmenskultur zu etablieren.
  • …optimistisch in die Zukunft schauen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Asphaltengel von Johanna Holmström

Johanna Holmström wurde 1981 in Sibbo geboren. Sie gehört der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland an. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihren zwei Töchtern in Helsinki. Sie ist Journalistin und studiert arabische Literaturwissenschaft. Für ihre Erzählungen erhielt sie unter anderem den Literaturpreis des Svenska Dagbladet. Asphaltengel wurde von der Presse hymnisch besprochen. (Quelle: ullstein.de)

51VByzAPIbL._SX314_BO1,204,203,200_Leilas finnische Mutter ist zum Islam konvertiert. Seitdem interessiert sie sich nur noch für die korrekte Auslegung des Korans. Sogar Familienfotos sind verboten. Leilas Vater kommt aus dem Maghreb und ist selbst Muslim – aber dieser Fanatismus ist ihm viel zu anstrengend. Und ihre große Schwester Samira ist längst vor dieser verrückten Familie geflohen. Alleine ist es schwer für Leila, zu Hause den Verstand nicht zu verlieren. Dann wird Samira eines Tages schwer verletzt am Fuß einer Treppe gefunden. Ist sie gefallen? Oder wurde sie gestoßen? Leila versucht herauszufinden, was mit ihrer Schwester passiert ist. Das Leben zwischen den Kulturen ist gefährlich, besonders für Mädchen. Aber Leila weigert sich, Opfer zu sein.

„Asphaltengel“, so nennt Leila muslimische Mädchen, die nach einem Familienzwist vom Balkon „fallen“. Im gleichen Atemzug stellt sie klar, dass sie ganz bestimmt kein solcher „Asphaltengel“ werden wird, da kann ihre Mutter sie noch so sehr gängeln, einsperren und mit Hilfe ihrer Gebetsfreundinnen in den Hijab zwingen. Leila ist zwar erst fünfzehn Jahre alt, aber sie hat schon jetzt ihre eigene Vorstellung vom Leben und diese kollidiert auf gnadenlose Weise mit der ihrer Mutter. Eine Mutter, die zwar finnischer Abstammung ist, nach ihrer Konvertierung zum Islam nun aber strenger und entbehrlicher zu leben versucht als Mohammed selbst. Kein Tag vergeht an dem sie Leila keine Vorwürfe macht, wie eine Furie durch die Wohnung jagt um Bilder und Kleidungsstücke weg zu werfen, die Leila anschließend wieder aus dem Müll klaubt. Den eher gemäßigten Vater hat sie so schon vergrault und die ältere Tochter Samira, die liegt im Koma, doch das ist eine andere Geschichte.

Diese andere Geschichte wird immer im Wechsel mit der von Leila erzählt, wobei Leila von Autorin Johanna Holmström weitaus mehr Raum gegeben wird. Mit ihr geht die Leserin zur Schule, und muss dort einiges über sich ergehen lassen, harter Tobak für alle, die vielleicht selbst mal gemobbt wurden, um an dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung für dieses Buch auszusprechen. An der Seite von Leila streift die Leserin durch die Stadt, durch die Nacht, durch die Angelbar, wo Leila sich trotz überdurchschnittlicher Skinhead-dichte irgendwie geborgen fühlt. Zusammen saßen wir am Krankenbett der großen Schwester und hofften darauf, dass sie endlich wieder zu Bewusstsein kommt und ihre Geschichte erzählt, auch wenn Leila schon längst zu wissen glaubt, wer sie die Treppe herunter gestoßen hat, was einen weiteren Keil zwischen Leila und ihre Mutter treibt.

„Asphaltengel“ erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die um ihr Leben kämpfen, die eine im Koma und die andere auf den Straßen einer ungenannten Stadt. Dabei greift sie Themen auf mit denen sich finnische Muslime zwangsläufig auseinandersetzen müssen, schreibt von gesellschaftlich toleriertem Rassismus und Islamfeindlichkeit, die in diesem Fall besonders gegen finnische Konvertitinnen gerichtet ist. Gleichzeitig beschreibt sie aber auch den ganz alltäglichen Kampf finnischer Jugendlicher aus sozial schwachen Familien, das Mobbing in der Gesamtschule, das jeden Treffen kann, selbst die vormals beliebteste Schülerin der Klasse, und was die Jugendlichen tun, um mit alldem fertig zu werden. Leila läuft Parcours durch die Stadt, zusammen mit anderen risikoaffinen Jugendlichen, angeführt von einem einsamen Sozialarbeiter.

Dieser Roman ist thematisch brisant und ich vermute einfach mal auch nah am Leben, zumindest was den Alltag finnischer Jugendlicher angeht. Das macht die Lektüre aber oft auch zu einem Spießrutenlauf. In der Schule leide ich mit Leila um die Wette, zerbreche fast an der Ungerechtigkeit, die ihr in den Pausen widerfährt – und dabei hat sie noch nicht einmal das schlechteste Los in der Klasse. Kommt sie anschließend nach Hause wartet dort schon der nächste Drachen und faucht sie an, weil sie sich nicht verschleiert, Fernsehen schauen möchte und nicht genug betet. Dabei rebelliert Leila gar nicht gegen die Religion ihrer Eltern, sie versucht nur ebenfalls Teil der finnischen Gesellschaft, ein Teil ihrer Peergroup in der Schule zu bleiben, doch für ihre Mutter scheinen diese beiden Bestrebungen unvereinbar zu sein und diese Ansicht führte nicht zuletzt zum Bruch zwischen ihr und ihrer ältesten Tochter Samira.

Insgesamt ist „Asphaltengel“ zumindest auf emotionaler Ebene kein besonders eingängiges Buch, die Geschichte ist so scharfkantig wie die Zungen der Figuren, die sie bevölkern, reißt Wunden mit ihren Worten, die so schnell wohl nicht mehr heilen werden. Dann wiederum hat diese unbequeme, ja fast stachlige Geschichte doch ein bisschen Suchtpotenzial und mir persönlich fiel es schwer sie aus der Hand zu legen. Dennoch bin ich der Meinung, dass „Asphaltengel“ nichts ist für eher zartbesaitete Leserinnen, denn mit diesem Buch muss man ringen, und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. Dabei geht es jedoch um Themen, die auch für deutschsprachige Leserinnen interessant sein dürften, schließlich gibt es auch hierzulande Einwanderung und Integrationsprobleme, und diese sind, wie in „Asphaltengel“ beschrieben, nicht immer selbstverschuldet. Ein lesenswertes, aber kein einfaches Buch, für Leserinnen, die nicht länger wegschauen möchten.

Asphaltengel – Johanna Holmström – ISBN 978.3.548.28782.9

Für Leserinnen, die…

  • …sich noch gut an ihre Schulzeit erinnern können.
  • …sich eigene Wege bahnen.
  • …eine neue Stimme zu einem kontroversen Thema hören wollen.

Am besten kombiniert mit…

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(Neuerscheinung) Politik und Liebe machen von Laura de Weck

Laura de Weck, geboren 1981, ist in Paris, Hamburg und Zürich aufgewachsen. Bis 2005 studierte sie Schauspiel in Zürich. Sie erhielt das Paul-Maar-Stipendium, nahm an den Werkstatttagen des Wiener Burgtheaters teil und wurde ans Frankfurter Autorenforum eingeladen, wo ihr erstes Theaterstück ›Lieblingsmenschen‹ begeistert aufgenommen wurde. Ihr zweites Stück, ›SumSum‹, stand bei den St. Galler Autorentagen im Finale, und ihr drittes Stück ›Für die Nacht‹ wurde 2011 am Theater Basel uraufgeführt. Ebenfalls 2011 hatte Laura de Wecks erste eigene Inszenierung Premiere in der Roten Fabrik in Zürich. (Quelle: diogenes.de)

418sjFkI98L._SX312_BO1,204,203,200_In ihren kurzweiligen szenischen Dialogen durchmischt Laura de Weck Öffentliches mit Intimem: Die Frauenquote wird im Schlafzimmer diskutiert, Bankgeheimnisse werden ausgeplaudert, Volk und Staat müssen zur Paartherapie, und im Kreißsaal wird illegal eingewandert. Gesetzgeber und Google wirken von oben auf unser Privatleben ein. Doch wer liegt in einer Demokratie eigentlich oben und wer unten? Aus Normalem macht die Autorin Ungewöhnliches, aus Banalem höchst Politisches. Ein vielstimmiges Panorama zum aktuellen Leben, Lieben und Politisieren in der Schweiz und Europa. Ein heiter abgründiges Alltagsbuch.

In diesem Buch sammelt die gelernte Schauspielerin Laura de Weck diverse Kolumnen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Da es sich dabei vor allem um die schweizerische Gesellschaft handelt, wird das Buch sicher nicht für jeden Leser interessant sein. Auch ich hatte so meine Schwierigkeiten damit, hatte ich anfangs doch einen völlig falschen Eindruck von diesem Buch. Im Laufe der Lektüre wurde ich dann aber doch damit warm und konnte hier und dort sogar über die humorvolle Art, mit der Laura de Weck gesellschaftliche Belange anspricht und Meinungen dazu parodiert, ein bisschen schmunzeln. Wer sich jedoch so gar nicht für (Europa)politik interessiert und die Schweiz nur vom Hören-Sagen kennt, für den ist „Politik und Liebe machen“ nicht zu empfehlen.

Die einzelnen Kolumnen sind geschrieben wie Theaterstücke, alle zwischen zwei und vier Seiten lang, perfekt als kleines Intermezzo, wenn man als Leserin im Alltag mal wo warten muss und diese Zeit sinnvoll nutzen möchte. Laura de Wecks Figuren sind ganz normale Schweizer, manche sind alt, andere wiederum studieren noch, einige sind zugewandert und müssen sich nun mit den Ressentiments der Bevölkerung herum quälen, während sie am perfekten schweizer Akzent feilen. Ab und zu nimmt Laura de Weck auch auf den Zuzug von deutschen in die Schweiz Bezug und wie kritisch das von vielen Schweizern gesehen wird. Außerdem geht es ihr um Zuwanderungskontingente, die Beziehung zur EU und die Schweiz als Paradies für Steuerhinterzieher, auch innerhalb der eigenen Bevölkerung. Politisch würde ich Laura de Wecks Kolumnen daher als links-liberal einordnen.

Doch sie schreibt nicht nur über Einwanderer und Fremdenfeindlichkeit und das Unwesen der Financiers, sondern auch über Gleichberechtigung, Frauenquoten und Emanzipation, natürlich alles mit einem Augenzwinkern, aber doch auch mit ernstem Unterton. Eine ihrer Kolumnen handelt so beispielsweise von einem Mann, der auf seiner Arbeitsstelle von seiner Chefin sexuell belästigt wird, sich aber nicht traut sich zu beschweren. Die Pointe der Geschichte ist, dass Gleichberechtigung nur dann existiert, wenn Männer auch mal Opfer sein dürfen, auch mal Schwäche zeigen und um Hilfe bitten. Da trifft Laura de Weck mit ihrer Meinung bei mir genau ins Schwarze, und was die Hürden für die Emazipation von Frau (und Mann) angeht, ähneln sich die Schweiz und Deutschland, ja ganz Europa, letztlich doch sehr.

Alles in allem ist „Politik und Liebe machen“ ein humorvolles Buch, voller ernster Themen, die ein politisches Bewusstsein voraussetzen. Die Art auf die Laura de Weck ihre Meinung zu verschiedensten Themen ausdrückt, als fiktive Begegnungen in Dialogform, dürfte nicht jedermanns Sache sein. Doch ich finde gerade diesen Aspekt des Buchs sehr interessant, da sich „Politik und Liebe machen“ so von der Masse aus politischen und gesellschaftlichen Essays abhebt, ohne sich dabei jedoch allzu wichtig zu nehmen. Ein zweites Mal werde ich das Buch wohl nicht lesen, dafür fehlt ihm die Allgemeingültigkeit, aber das eine Mal bereue ich nicht. Denn es war heiter und gab mir als Leserin doch zu denken, darüber wie wir in Europa mit Fremden umgehen, mit Geld und auch miteinander.

Politik und Liebe machen – Laura de Weck – ISBN 978.3.257.30038.3

Für Leserinnen, die…

  • …eine persönliche Beziehung zur Schweiz haben und sich mit der dortigen Politik und Gesellschaft auskennen.
  • …gerne ins Theater gehen, der Dialoge wegen.
  • …nach einer humorvollen, aber nicht zu albernen Zwischendurchlektüre suchen.

Am besten kombiniert mit…

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